Time to say good bye
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Versuch einer Erklärung von Lutz KayserLiebe Freundinnen und Freunde von All Nizo,
vielleicht eine Überraschung, für manche eine schmerzhafte dazu - mitten im Sommerloch. Für die Aktiven von All Nizo kommt dieses Ende zwar auch plötzlich, aber nicht wirklich unerwartet. Dass es sehr schmerzt, braucht kaum erwähnt zu werden. Aber im Grunde kämpfen wir seit der ersten Stunde 1995 um unsere Existenz. Dieses Schicksal teilen wir sicher mit vielen Enthusiasten auf der ganzen Welt. Ändern tut es erstmal nichts. Immer wieder heißt es, nur die Hartnäckigen können sich halten. Das stimmt und stimmt auch nicht.
Mancher wird einwenden, mein Gott, warum werfen sie jetzt plötzlich das Handtuch und geben auf, man müßte doch ums Überleben kämpfen - jetzt erst recht.
Um zu verstehen, ist ein Blick hinter die Kulissen, auf die Strukturen von All Nizo nötig.
Worum geht es eigentlich?
Einerseits gibt es natürlich jede Menge Kosten, die gedeckt sein wollen. Da ist zu allererst die Miete für den Raum, denn ohne ihn geht gar nichts. Dank der STEG müssen wir inkl. Strom, Wasser und Telefon/Fax/Internet nur rund 500 Mark im Monat aufbringen. Allein dazu sind wir nicht im Stande. Für Screenings, Workshops und auch für den Geräteverleih in der Werkstatt muß Werbung gemacht werden. Porto, Flyer, Broschüren etc. kosten Geld, das wir nicht haben. Aber das wichtigste an allem ist die Zeit, die Aktionen vorzubereiten und durchzuführen. In der ganzen Geschichte von All Nizo hat nie ein Aktiver einen finanziellen Ausgleich für seinen Aufwand erhalten. Bei den zahlreichen Aktivitäten summierte sich diese rein ehrenamtliche Arbeit auf rund 6.000 Stunden pro Jahr, also 500 Stunden monatlich. Rein rechnerisch sind dies locker drei Vollzeitstellen. Dies gilt für alle Aktiven, inkl. Großveranstaltungen und vielen Helfern.Das Gros der Arbeit verteilt sich schließlich auf zehn Leute, die die Werkstatt, die Workshops, die Screenings und diese Homepage am laufen halten. Im Kern eine homogene, gewachsene Gruppe.
Es war auch nie ein Geheimnis, das meine Person sehr eng mit dem Verein verbunden war ist. Mit Jochen Curth war ich einer der Begründer 1995 und über die ganze Zeit die treibende Kraft. Diesem Umstand wohnten einige große Vorteile inne: ich war hoch motiviert, habe Aktionen konzipiert und initiiert, finanziert, organisiert, Mitstreiter gefunden und dazu die Öffentlichkeitsarbeit gemacht - alles aus einer Hand, ohne große Reibungsverluste. Aktionen erhielten quasi eine persönliche Note und ich fühlte mich rückhaltlos verantwortlich. Weil ich mit All Nizo so tief verwachsen war, habe ich mir immer die Zeit genommen. Für mich war das völlig normal.
Etwa alle sechs Monate gab es kleine Krisensitzungen" mit den anderen Aktiven. Auf der Tagesordnung stand regelmäßig die Umstrukturierung der Arbeit, weil die obige Struktur Gefahren birgt. Und regelmäßig gab es das gleiche Resultat: niemand sonst fühlte sich wirklich berufen (fehlendes Talent oder Zeit), die diversen Aktionen zu konzipieren, zu organisieren oder die Öffentlichkeitsarbeit etc. dafür zu übernehmen. Das war auch völlig normal. Eine Konsequenz hätten lauten können: o.k., dann passiert halt weniger. Dieses oder jenes Screening gibt´s nicht oder keine Tour, oder keine Benefiz-party oder dann mal keine Workshops. Die Konsequenz, auf Aktivitäten wirklich zu verzichten war ich nicht bereit einzugehen. Die Kollegen waren einverstanden, dass wenn ich Mitstreiter finde, ich loslegen könne. So entstand der Mechanismus Hamsterrad", denn es reihte sich Veranstaltung an Veranstaltung.
Jedem werden sofort alle Nachteile dieser Struktur klar. Die Vereinsaktivitäten hängen sehr von einer Person ab. Ich greife das Hamsterrad nocheinmal auf. Die Beschaffung von finanziellen Mitteln wurde immer zu Gunsten von der Organisation der Veranstaltungen (welche auch immer) zurückgestellt. Hier beißt sich Katze in den Schwanz: ohne Vorleistung gibt es natürlich keine Unterstützung und ohne Unterstützung gibt´s dann - irgendwann - keine Veranstaltungen mehr.
Die gegebene Struktur kann man finden wie man mag. Mit Vehemenz wehre ich mich dagegen, von Zeit zu Zeit einfach die Aktiven auszutauschen, die dann, wenn deren Kräfte verbraucht sind, wieder von neuen Leuten ausgewechselt werden.
Wie sollte sich auf diese Weise etwas weiterentwickeln können?
Ursprünglich sollte der Mangel an Vorführgelegenheiten für Super-8-Filme gelindert werden. Daraufhin entstand die Idee, die Super-8-Filmwerkstatt einzurichten. Wir vermißten eine neutrale Anlaufstelle für Leute, die sich für
F i l m arbeit interessieren. So wurde aus Spenden und Leihgaben der Gerätepool mit Kameras, Schneideequipment etc. aufgebaut. Alle Geräte sollten und waren zu sehr niedrigen Nutzungspauschalen" auszuleihen. Eine wichtige Erweiterung des Angebotes waren die Workshops, die sich insbesondere an AnfängerInnen ohne Vorkenntnisse wandten.Heute, nach fünf Jahren, sind die Vorführgelegenheiten seltener, dafür größer geworden. Aber nicht nur größer, es gab auch kleinere Spezial-Screenings. Das Größerwerden hatte Konzept. Unabhängig produzierten Filmen sollte eine echte Öffentlichkeit geboten werden. Kellerveranstaltungen", in denen sich Filmemacher gegenseitig ihre neuen Werke vorstellten, waren nie mein vorrangiges Ziel. Es gibt sie ohnehin und für mich sind es schließlich l´art pour l´art"-Veranstaltungen.
Auch wenn All Nizo mit den großen Veranstaltungen jeweils nur haarscharf an der finanziellen Katastrophe vorbeigeschrammt ist, sind es gerade diese Screenings, die auf Sicht lebensfähig (weil spektakulär) und somit potentiell finanzierbar sind. Überhaupt: mitgebrachte Filme ohne Jury und ohne Zensur zu zeigen wirkt nur, wenn viele Leute davon wissen. Nur so können neue Kreise erschlossen werden. Im Kellerkino" entfaltet sich keine Wirkung von Jury- und Zensurfreiheit.
Die Filmwerkstatt sollte sowohl für Neulinge als auch für alte Hasen attraktiv sein. Die erreichtet Aussattung wendet sich vorwiegend an Leute, die bislang nicht filmten. Das ist auch wichtig, denn diesen wollen wir den Einstieg erleichtern. All Nizo fehlten bisher die Mittel, um wirklich interessant für die schon aktiven Filmer zu sein. Wir wünschten uns beispielsweise eine Bespurungsanlage für Magnetton oder spezielles Zubehör wie Weitwinkellinsen etc.
Gerade für die AnfängerInnen sind die Workshops die passende Ergänzung. im Zeitalter von Video und DV gibt es einfach - außerhalb von Filmhochschulen - keine Möglichkeit, wirkliche Filmarbeit zu erlernen.
Also, ich bleibe dabei, dass eine Initiative Zeit und Kontinuität braucht, um sich entfalten und entwickeln zu können. Enthusiasten einfach auszutauschen, ist Ausbeutung von Arbeitskraft, ohne dass eine Weiterentwicklung möglich ist. Man kann es drehen und wenden wie man mag, letzlich helfen viele Leute auch nicht immer wirklich. Wenn hundert Leute ein Wort schreiben, ist noch lange kein Pressetext entstanden. Ähnlich verhält es sich mit dem Fundrasing. Erstens sehnen sich nicht so viele Leute danach, es zu betreiben und zweitens, muß es einigermaßen koordiniert sein. Eine Professionalisierung" ist bei stetigem Personalwechsel ausgeschlossen. Die ist aber notwendig, möchte man im Überangebot bestehen. Das Überstreifen des Büßerhemdes" (wegen des gemeinnützigen Charakters der Arbeit) hilft überhaupt nicht, um die Gunst und Aufmerksamkeit von Leuten zu gewinnen oder diese Leute sogar zur aktiven Filmarbeit anzuregen. Überspitzt formuliert, steht All Nizo im direkten Wettbewerb mit Eisdielen, Bars, Schlittschuhbahnen, Kinos oder Töpferkursen. Folgerichtig stand die Öffentlichkeitsarbeit im Mittelpunkt der Aktivitäten. Deren Wirkung - die generell nicht meßbar ist - werden wir nie wirklich erfahren. Denn die zahlreichen Publikationen, ob TV oder Print - waren weniger speziell auf All Nizo gerichtet, als vielmehr ganz allgemein auf das Format Super-8, dass es überhaupt existiert und lebt.
Nun ist die Zeit gekommen, dass ich mir keine Zeit mehr nehmen kann. Unter den vorhandenen Bedingungen, kann ich mir eigentlich schon seit zwei Jahren keine Zeit mehr nehmen, jetzt zwingt mich die wirtschaftliche Wirklichkeit dazu, definitiv Schluß zu machen. Genug der 80-Stundenwochen, von denen ich in den letzen fünf Jahren zuviele hatte. Ich bin verschlissen, könnte man auch sagen. Die anderen Aktiven haben auch Ihre Grenzen, die ebenfalls weit überschritten sind. Lust allein, an der es niemanden mangelt, läuft irgendwann ins Leere. Hartnäckigkeit wird auch irgendwann unweigerlich zu Verbohrtheit, die zu Blindheit führt. Noch sehe ich klar, auch wenn ich ganz viel überhaupt nicht verstehen kann.
Warum, frage ich mich,
- interessiert sich niemand aus der Kulturbehörde oder der Filmförderung für All Nizo?
- verstehe ich deren Aufgaben so falsch?? - oder hat All Nizo nichts mit Kultur oder Film zu tun??
- verhält sich insbesondere die Kulturbehörde so ignorant, geradezu feindselig? (nicht einmal Sachmittel werden gestellt, keine ideelle Unterstützung, keine Gespräche)
- selbst wenn die Arbeit bezahlt worden wäre, könnte sich meiner Meinung nach niemand über die Ergebnisse beklagen.
- wird das Engagement, von so vielen - inzwischen recht qualifizierten Aktiven - völlig mißachtet
- werden sinnvolle und auch prestigeträchtige Impulse wie z.B. der Global-Super-8-Day ignoriert
Ich finde auf diese Fragen selbst keine Antworten.
Das Zauberwort schlechthin lautet: Koordinierung, ohne sie läuft praktisch nichts. Also, selbst wenn der Raum gehalten werden kann, obwohl die jetzigen Kondotionen auch nur bis 31.12.00 befristet sind, ist noch nichts organisiert. Von Screenings einmal ganz abgesehen, die immer - ob Elbe oder Millerntor, irre viel Aufwand bedeuteten, um dem All-Nizo-Anspruch gerecht zu werden. Von neuen Ideen und Projekten - a la Global-Super-8-Day oder Vision of World-Film-Care - einmal ganz zu schweigen.
Fazit: wenn nicht noch ein Wunder geschieht (womit ich nicht mehr rechne), könnte über das Jahr 2000 hinaus allenfalls der Raum mit der Werkstatt gehalten werden. Vielleicht gibt es dann und wann ein Screening - vielleicht aber auch nicht. Aktivitäten gegen Null zurückschrauben heißt einfach, das eigentlich nichts mehr passiert. Schade, sehr schade sogar, denn die ganze Sache war immer langfristig angelegt. Jetzt, da die Zeit gekommen sein könnte, die Saat zum Blühen zu bringen, ist die Zeit abgelaufen.
Trotzdem wünsche ich uns eine runde, gute Veranstaltung im Westwerk. Immerhin erleben wir noch das 50. Screening, haben ein gutes Programm von Paolo aus L.A. und es wird das letze Mal sein...
Es gebe noch viel mehr zu sagen - mir tut es leid.
Five good years - time to say good-bye. Vielen Dank.
Lutz Kayser
Hamburg, 5. August 2000